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Pressebereich

Kommentar

 

Ende Januar war in den News des BildungsSPIEGEL zu lesen, dass jeder 13. Jugendliche in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlässt, und dass der Deutsche Volkshochschul-Verband e. V. (DVV) mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) als Hilfestellung zur Nachholung des Abschlusses das Internetportal ich-will-lernen.de entwickelt hat.

"ich-will-lernen" heisst die Internetseite. Als Rechtsanwältin, die seit Jahren im Bereich des Schul- und Hochschulrechts tätig ist, möchte ich zusätzlich gerne das Internetportal "ich-will-lernen-und-dann-lasst-mich-doch-auch.de" ins Leben rufen. Während meiner Tätigkeit habe ich erfahren müssen, dass es nicht ausreicht, lernen zu wollen. Den lernwilligen Menschen werden dermaßen Knüppel zwischen die Beine geworfen, das es einer Lern-Verhinderung gleichkommt.


Lassen Sie mich Ihnen zunächst die Geschichte eines talentierten, lernwilligen jungen Mädchens erzählen. Ihr Motto ist "ich will lernen" und zwar an einem Gymnasium in der Stadt, dass die MINT-Fächer (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik) von der Klasse 5 an bis zum Abitur als Schwerpunkt und ausschließlich in englischer Sprache unterrichtet.
An diesem englischsprachigen MINT-Gymnasium in der Stadt durfte sie aber nicht lernen, der Zugang zur Schule wurde ihr verweigert. Das Schulgesetz schreibt vor, dass Schüler nur Anspruch auf Aufnahme in die Schulen des Schulträgers haben sollen, in dessen Gebiet sie wohnen. Danach gehen Stadtschüler in Stadtschulen, Landkreisschüler in Kreisschulen. Als im Landkreis wohnend darf das junge Mädchen die Stadtschule (hier MINT-Gymnasium) nicht besuchen. Das war' s dann mit "ich will MINT lernen".


Besonders möchte ich Ihnen aber folgendes Beispiel aufzeigen: Seit kurzem sind wir für einen jungen Studenten anwaltlich tätig. Auch sein Motto ist "ich will lernen", daher hat er im Februar 2008 an The Open University of The United Kingdom (OU) einen Bachelor-Studiengang “Geowissenschaften” über ein Fernstudium aufgenommen.
Da der Student lernen möchte, obwohl die finanziellen Mittel knapp sind, hat er für den Bachelor-Studiengang beim deutschen Amt Ausbildungsförderung (Bafög) beantragt. Das Amt lehnt eine Ausbildungsförderung ab und begründet dies damit, dass sein Fernstudium an der ausländischen Ausbildungsstätte kein Inlandsstudium und auch kein Auslandsstudium sei, eine Förderfähigkeit ist nicht gegeben.

Und außerdem hat der Student kein Abitur. "Die Zulassung zum Studium ohne jeden konkretisierten Eignungsbeleg außer dem Mindestalter von 18 Jahren, wie sie an der britischen OU möglich ist" (Wortlaut der Bundesregierung in Drucksache 16/11552), schließt eine Ausbildungsförderung aus. Wenn der Student seine beantragte Ausbildungsförderung nicht erhält, dann war' s das mit "ich will lernen"

 

Während ich an den Zeilen schrieb, erreichte mich die E-Mail eines jungen Mannes. Er ist auch Student der OU, er hat auch keinen konkretisierten Eignungsbeleg im Sinne eines Abiturs, er benötigt für sein Fernstudium auch Ausbildungsförderung. Wenn auch dieser Student seine beantragte Ausbildungsförderung nicht erhält, dann war' s das mit "ich will lernen".

 


Bereits an diesen drei exemplarischen Fällen wird deutlich, dass in der kürzlich ausgerufenen Bildungsrepublik Deutschland das Vorhaben "ich will lernen" für viele Menschen nicht umsetzbar ist. Die Schülerin darf nicht am MINT-Gymnasium lernen, weil sie am 'falschen' Ort wohnt. Die beiden Studenten können faktisch nicht lernen, weil ihnen die dringend benötigte Ausbildungsförderung verweigert wird, schließlich haben sie keinen Eignungsbeleg vorzuweisen.

Übrigens in Schweden, Spanien, Niederlanden und Irland hat beinahe jeder dritte Student bzw. jeder zehnte Student keine klassische Hochschulzugangsberechtigung - keinen Eignungsbeleg also. Der Bologna-Prozess übrigens stellt den Lernenden mit seinem Arbeitsaufwand und den Kompetenzen (learning outcomes), die er im Laufe des Studiums erlangt, in den Vordergrund. Bei ihrer Mitgliederversammlung im November 2008 plädierte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) übrigens für eine Liberalisierung des Hochschulzugangs ohne Abitur. "Jeder und jede mit Eignung und Neigung für einen Studiengang sollte die Chance zum Studium haben."

Jeder Dritte in Schweden und Spanien ist ein Student ohne klassische Hochschulzugangsberechtigung. Jeder Dritte in Deutschland ist ein Studienabbrecher - allerdings mit Eignungsbeleg.


Einrichtungen, in denen man auch ohne formalen Abschluss lernen kann, gibt es also. Die Lernplattform ich-will-lernen.de möchte Schulabgängern ohne Abschluss zu einem solchen verhelfen. Abendgymnasien bieten das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg an. Ausländische Hochschulen bieten Menschen - auch ohne Eignungsbeleg (= Abitur) - ein Studium an.

Machen wir uns nun daran, die einengenden überkommenen Regelwerke wegzuwerfen, damit Menschen lernen dürfen, wenn sie lernen wollen, denn "Nicht ein Regelwerk, sondern nur die eigene Leistungsfähigkeit, darf den Wissensdurst von jungen begabten Menschen einschränken." So sehen es die Gründer der Open University in Israel.



Sibylle Schwarz, Rechtsanwältin
else.schwarz Rechtsanwälte Partnerschaft

 

veröffentlicht am 16. Februar 2009 unter dem Titel "Standpunkt: Ich will lernen" auf

www.bildungsspiegel.de

Michael A. Else
Rechtsanwalt

Fachanwalt für
Verwaltungsrecht

Sibylle Schwarz
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